Robinson Crusoe im Schockraum: Wie TeamSTEPPS Leben rettet

Vier Menschen stranden auf einer Insel – und scheitern nicht am Hunger, sondern an schlechter Kommunikation. Was das mit Schockraum und
OP zu tun hat, zeigt dieser Artikel.

Kommunikation im Team: rettet Leben: auf der einsamen Insel und im Schockraum

Was hat ein Schiffbruch mit der Kommunikation im medizinischen Team zu tun? Auf den ersten Blick: nichts. Doch wenn Menschen unter Druck zusammenarbeiten müssen, entscheidet genau diese Kommunikation im medizinischen Team darüber, ob sie scheitern oder erfolgreich handeln. Dieser Artikel zeigt anhand einer Geschichte, wie fehlende Kommunikation im medizinischen Team zu Fehlern führt – und wie strukurierte Methoden wie TeamSTEPPS helfen können, genau das zu verhindern.

Teil I – Die verfluchte Insel – Teamversagen und fehlende Kommunikation

Das Lied und sein jähes Ende – Emotionale Belastung und Resilienz im Team

Aus voller Kehle brüllte der Zimmermann Edward das Seemannslied heraus, während er seine Augen zusammengekniffen hielt, und ich war mir nicht sicher, ob sich zu dem Regenwasser, das seine Wangen herabrann, nicht auch Tränen mischten. Auch ich sang die vertrauten Worte zu der Melodie mit. Sie schien mir jetzt aus einer anderen Welt zu stammen. Ich merkte, wie das gemeinsame Singen meine Zuversicht wieder wachsen ließ.

Vergangene Nacht wurde uns wieder klar, was wir alle vermissten. Es waren nicht nur unsere Familien, die wir vielleicht nie wiedersehen würden. Auch unsere engen Kojen unter Deck mit den stinkenden, verdreckten Zudecken erschienen uns jetzt als purer Luxus. Von besonders weichen Matratzen oder Federkissen träumte unter uns Seeleuten hier ohnehin niemand. Wir mussten jetzt nur überleben, Tag für Tag, und dabei die Hoffnung nicht verlieren, doch irgendwann gerettet zu werden. Wir brauchten nur ein dichtes Dach über dem Kopf, das uns vor Nässe schützte, und irgendetwas Essbares, egal, wie es schmeckte oder ob es genießbar war, nur um den nagenden Hunger zu vertreiben.

Auch von Francis, Rob und Thomas hatten wir in dieser Nacht gesprochen. Wir hatten sie seit dem Untergang unseres Schiffes nicht mehr gesehen. Wir waren uns inzwischen sicher, dass die braven Kameraden den Tod gefunden hatten. Niemand sprach es aus, aber uns allen war klar, dass auch uns dieses Schicksal hier auf dieser verfluchten Insel eher früher als später ereilen würde, wenn nicht ein Wunder geschehen würde. In dieser Nacht wurde uns mehr als je zuvor klar, dass es dieses Wunder nicht geben würde. Mit Verzweiflung im Herzen und bohrendem Hunger im Bauch waren wir alle erst gegen Morgen eingeschlafen.

Doch nun erweckte das Seemannslied in uns Gefühle aus sorgloseren Zeiten in uns, und mit jeder Strophe wurde die Beklemmung in unserer Brust deutlicher. Mit energischer Entschlossenheit traten wir schließlich zusammen, um unserem Schicksal zu trotzen.

Bei unserem Schiffskoch William hatten die Bauchschmerzen wieder nachgelassen, die Krämpfe in seinen Eingeweiden von den Beeren, die er bei seinem gestrigen Erkundungsgang vor lauter Hunger gegessen hatte. So wollte er heute den Tierspuren folgen, die er gestern jenseits des Flusslaufs in östlicher Richtung entdeckt hatte, bevor er umkehren musste, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder in unserem Lager anzukommen. Er hoffte, heute auf dem Rückweg auch Trinkwasser und mit Glück auch etwas Essbares mitbringen zu können.

Ich hielt es für keine gute Idee, unsere Nahrungsbeschaffung derart dem Zufall zu überlassen, da sich in unserer Falle über Nacht wieder kein Tier verfangen hatte. Ich schlug vor, selbst Fische fangen zu gehen, was Edward nur mit einem kurz gebellten „Nein“ quittierte, denn das würde ihn allein im Lager zurücklassen, und er müsste neben seinen Ausbesserungsarbeiten an unserem Lager auch unsere Kiste mit unserer Notration Zwieback und dem bisschen Tabak vor den immer frecher werdenden Affen beschützen, die zähnebleckend auf den Bäumen hockten und nur auf eine Gelegenheit warteten, unser Lager zu plündern.

„Ich brauche verdammtes Holz für das Dach.“ presste Edward hervor, während seine Zähne klapperten. Ein eisiger Wind hatte eingesetzt und wir zogen unsere nasse Kleidung um uns zusammen, was die Kälte aber eher schlimmer machte. Das Dach unseres Unterschlupfes hatte Edward aus Treibholz zusammengefügt, das der Sturm vor drei Tagen angespült hatte. Leider war es während des nächsten Tages zusammengesackt und in der folgenden Nacht teilweise eingestürzt. Der Teufel wollte, dass es nun schon seit gestern ununterbrochen regnete und es war allen klar, dass die Reparatur des Daches nicht weiter aufgeschoben werden konnte.

„Jemand muss mit ihm im Lager bleiben,“ murmelte William, „gestern war er alleine und hat das Feuer ausgehen lassen.“ Unser Lagerfeuer war unter dem teils schweren Regen langsam erloschen und der ohnehin kleine Rest Feuerholz war nass geworden.
„Ich hab das gehört!“ explodierte Edward, „und jetzt sag ich dir mal was: Scher dich zur Hölle, dich braucht hier niemand! Du frisst uns die Vorräte weg und schläfst den ganzen Tag, wenn du nicht spazieren gehst!“
William antwortete nicht, aber er ging zu unserer Feuerstelle, griff sich das Kochmesser – das einzige Messer, das wir vom Schiff retten konnten – und verschwand damit wortlos im Dickicht der Wildnis hinter der provisorischen Palisade, nicht ohne die besondere Aufmerksamkeit der Affen auf sich zu ziehen.
So machte sich in uns wieder Verzweiflung breit auf der verwunschenen Insel, an einem Tag, der doch so hoffnungsvoll begonnen hatte.

Wenn Kommunikation im Team fehlt

Da lacht der Affe – fehlende Rollenverteilung und Ressourcenverlust

Edward stapfte wortlos ans andere Ende des Lagers. Ich blieb stehen, den Regen im Nacken, und fragte mich, was ich jetzt tun sollte. Niemand hatte es ausgesprochen, niemand hatte beschlossen: Ich gehe fischen. Du bleibst hier. Du gehst jagen. Jeder wusste, was getan werden musste, und niemand wusste, wer es tun würde.
Also ging ich. Allein, ohne ein Wort, in Richtung der Küstenklippen, wo ich gestern Möwen gesehen hatte, die auf etwas herabstießen. Vielleicht Fische. Vielleicht nichts. Ich hatte keinen Plan, keine Leine, nur zwei Hände und einen knurrenden Magen.

Als ich zwei Stunden später zurückkehrte – mit zwei mickrigen Flundern, die ich mit einem spitzen Stock aus einem Felsbecken gestochen hatte – fand ich das Lager in einem Zustand, der mir die Kehle zuschnürte. Die Affen hatten während Edwards Abwesenheit von zwanzig Minuten, in denen er Holz schleppte, unsere Vorratskiste aufgebrochen und den halben Zwieback gestohlen. Vier Affen saßen oben in der Palme und grinsten mich an, während sie kauend auf uns herabschauten, als wären wir die Tiere.

Edward fluchte. Ich schwieg. Wir hatten nicht kommuniziert, hatten keine Aufgaben verteilt, hatten niemanden damit betraut, auf die Vorräte zu achten. Wir hatten einfach getan, was uns in den Sinn kam – und dafür bezahlt.

Unerfreuliche Rohkost – Mangelnde Abstimmung im Team

William kehrte gegen Mittag zurück, das Kochmesser blutbefleckt, aber ohne Beute. Er hatte eine Wildgans aufgeschreckt, die sich nicht einfangen ließ, und war danach im Unterholz einer Dornenhecke so tief geraten, dass er eine Stunde für den Rückweg gebraucht hatte. Er sagte nichts davon. Er legte das Messer hin und fing an, die zwei Flundern auszunehmen.
Ich hatte inzwischen ein kleines Feuer entfacht – mühsam, mit dem letzten trockenen Zunder aus unserer Blechdose. Edward sah es und schüttelte den Kopf. „Das reicht nicht zum Kochen.“ – „Dann mach es besser!“ sagte ich, lauter als beabsichtigt. Edward wandte sich ab. William arbeitete stumm. Ich stand da und merkte, wie mir die Kraft ausging, nicht körperlich, sondern irgendwo dahinter, in der Brust.

Mein kleines Feuer erlosch irgendwann und für ein weiteres war kein Zunder mehr da. Wir aßen die Flundern halb roh, in Schweigen, während der Regen auf unser löchriges Dach hämmerte.

Jetzt tu doch was! – Aktionismus ohne Führung

Nachmittags brach ein Stück des Daches endgültig ein. Ein nasser Balken splitterte, das Palmgeflecht sackte durch und ein kleiner Wasserfall ergoss sich direkt auf unsere Schlafstätten. Edwards Reaktion war unkontrollierter Aktionismus: Er zerrte an allem, was er greifen konnte, hämmerte mit einem Stein auf einen Querbalken, schrie Anweisungen heraus, die niemand verstand, und befahl mir, Halt zu machen, kurz bevor er selbst einen weiteren Balken zum Einsturz brachte.
Beim Versuch, den Balken wieder aufzurichten, rutschte ich im Schlamm aus und schlug mit der linken Hand auf einen spitzen Stein. Eine tiefe Schnittwunde öffnete sich quer über die Handfläche. William kam herbei, sah das Blut, und wollte die Wunde mit dem letzten Rest Rum aus unserer kleinen Flasche desinfizieren.

„Den Rum rührst du mir nicht an!“ fuhr Edward ihn an, obwohl es nicht Edwards Rum war und obwohl Edward gerade drei Meter entfernt auf einem Balken saß und gar nicht sehen konnte, was William tat. „Der Rum ist für die Kälte!“
Ich presste meine Jacke auf die Hand und schloss die Augen. So lagen wir, als die Sonne hinter den Wolken versank: erschöpft, nass, hungrig, wütend aufeinander. Das Dach halb eingestürzt. Die Vorräte um die Hälfte geplündert. Kein Plan für den nächsten Tag.

Teil II – Das No Kea Tablet – TeamSTEPPS als Werkzeug für bessere Kommunikation

Annes Fund

Anne hatte den ganzen Tag geschwiegen. Das war nichts Ungewöhnliches – sie schwieg oft, wenn wir stritten, mit jener gelassenen Konzentriertheit, die sie von uns dreien unterschied. Sie war Forscherin und wir hatten kistenweise Gefäße und Kanister mit Flüssigkeiten in ihre kleine Kabine auf dem Schiff geschleppt, damit sie Tiere und Pflanzen aus diesem Teil der Erde sammeln, beschreiben, zeichnen und für die Heimat haltbar machen konnte. Von ihrer Arbeit sprach sie uns gegenüber selten, aber wenn sie etwas beobachtete, dann tat sie es gründlich.
Es war Anne gewesen, die am nächsten Morgen, noch bevor wir aufgestanden waren, bereits außerhalb der Palisade gewesen war. Wir hörten sie zurückkommen, hörten ihre Schritte durch den Schlamm, und dann – eine kleine Pause, die uns alle aufhorchen ließ.

„Seht euch das an,“ sagte sie.
Sie hielt etwas hoch. In der trüben Morgendämmerung glänzte es matt, dunkel und gleichmäßig rechteckig wie ein Fenster zur Außenwelt. Ich dachte zuerst: ein Spiegel. Edward dachte dasselbe. William blinzelte.
„Ein Spiegel,“ sagte Edward. „Wo hast du den her?“
„Hinter dem Felsen dort hinten, da fand ich plötzlich eine Menge Knochen im Gestrüpp. Ich hatte wenig Lust, der Ursache auf den Grund zu gehen, aber halb im Umkehren fand ich das.“ Anne drehte das Ding in ihren Händen. Es war rechteckig, flach, mit einer glatten, kalten Oberfläche, leichter als Glas. Anne entfernte Moos davon. Und dann – ich traute meinen Augen nicht – leuchtete es auf.

Ein schwaches, blaues Licht. Drei kleine Balken in der oberen Ecke. “No Kea” stand darüber.
„Der leuchtende Spiegel,“ flüsterte William, und obwohl es kein besonders gelungener Name war, blieb er hängen. Von diesem Morgen an nannten wir ihn alle so.

Anne drückte auf die glatte Fläche. Das Licht wurde heller. Wir rückten zusammen, nass und frierend, und starrten auf dieses kleine Fenster.

Ich dachte an die lange Nacht, an das eingestürzte Dach, an meine Hand, die noch pochte. Ich dachte an die Affen mit unserem Zwieback. Und dann dachte ich: Vielleicht war das das Wunder. Kein Rettungsschiff. Kein Feuer am Himmel. Nur ein leuchtender Spiegel aus dem Meer – und Anne, die klug genug war, ihn aufzuheben.

Was der Spiegel enthält – Einführung in strukturierte Kommunikation im Team (TeamSTEPPS)

Den zweiten Tag nach Annes Fund nutzte das Gerät hauptsächlich als Lichtquelle. In der Nacht, wenn das Feuer wieder drohte zu erlöschen, hielten wir den leuchtenden Spiegel mitten unter uns, und sein blaues Glühen warf seltsame Schatten auf unsere Gesichter. Es war merkwürdig, wie sehr uns dieses kleine Licht beruhigte. Als wäre eine Stimme aus der Zivilisation bei uns.

Anne untersuchte das Gerät bei jeder Gelegenheit. Sie drückte auf verschiedene Stellen, wischte über die Oberfläche, tippte. Wir sahen ihr zu, teils neugierig, teils gleichgültig – Edward vor allem gleichgültig, denn er war damit beschäftigt, die Reste des Dachs notdürftig zu sichern, und hielt technische Dinge, die er nicht verstand, für Zeitverschwendung.

Am dritten Tag rief Anne uns zu sich.
„Hier ist Text. Viel Text.“
Wir beugten uns über das Gerät. Die Schrift war klein, die Sprache ungewöhnlich – in einem eigentümlich sachlichen, fast bürokratischen Tonfall, wie aus einem Handbuch. Ganz oben stand, in fetten Buchstaben, ein Titel:
TeamSTEPPS 2.0 – Strategien und Instrumente zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit und der Patientensicherheit
„Was ist das?“ fragte Edward.
„Ich weiß es nicht genau,“ sagte Anne. „Aber ich glaube, wir sollten es lesen.“

Die Wende – Teamarbeit verbessern mit TeamSTEPPS-Methoden

Die Bärenspuren – SBAR und Call-Out: Strukturierte Kommunikation in kritischen Situationen


Es war Anne, die die Spuren zuerst fand. Zwei Tage nach dem Fund des leuchtenden Spiegels, am frühen Morgen, kaum dass das Licht durch den Regenvorhang sickerte. Anne kam zurück in das Lager mit ruhigen Schritten, aber einem Blick, den ich noch nicht an ihr gesehen hatte: vollständige, kühle Kontrolle, wie jemand, der einen Gedanken zu Ende gedacht hat, bevor er ihn ausspricht.

„Hört mir zu,“ sagte sie, und wir hörten zu – weil etwas in ihrer Stimme keinen Raum für Ablenkung ließ.
„Ich habe gerade hinter der östlichen Palisade frische Bärenspuren gefunden. Nicht alt. Keine sechs Stunden. Der Bär ist groß, von der Schrittlänge her mindestens so schwer wie ein ausgewachsener Stier.“ Sie machte eine kurze Pause. „Die Spuren führen direkt auf unser Lager zu. Er ist heute Nacht nah herangekommen – ich schätze, bis auf zwanzig Meter an die Palisade.“
Niemand sprach.
„Das bedeutet: Er hat unsere Vorräte gewittert. Er wird wiederkommen. Vielleicht heute Nacht, vielleicht früher. Wenn er die Palisade einreißt – und das kann er –, verlieren wir alles, was wir noch haben. Und einer von uns könnte verletzt werden.“

Sie sah uns der Reihe nach an. „Wir müssen jetzt handeln. Mein Vorschlag: Die Palisade an der Ostseite verstärken, Fackeln bereithalten, und wir brauchen einen Plan, falls er tatsächlich eindringt.“
Ich hatte Anne noch nie so reden hören. Nicht weil sie normalerweise still war, sondern weil es jetzt – zum ersten Mal – so klang, als käme jede Information genau in der richtigen Reihenfolge. Zuerst: was ist. Dann: warum es wichtig ist. Dann: was passieren wird, wenn wir nichts tun. Dann: was zu tun ist. Kein Durcheinander, keine Panik, keine Schuldfrage.
„Ich les euch was vor,“ sagte Anne leise und nahm den leuchtenden Spiegel heraus. Sie scrollte kurz, dann:
„Call-Out: Teile kritische Informationen laut und klar mit allen Beteiligten gleichzeitig. Jeder hört dasselbe. Dann werden Rollen verteilt.“

Wir schwiegen einen Moment.
„Gut,“ sagte Edward, mit einer Stimme, die ich so noch nicht von ihm gehört hatte. Nicht grantig, nicht defensiv. Sachlich. „Dann machen wir das so. William – du bereitest drei Fackeln vor, die sofort entzündet werden können. Ich verstärke die Palisade mit den Reservebalken. Ihr –“ er zeigte auf Anne und mich – „haltet Ausschau nach weiteren Spuren und meldet, was ihr seht. Wir treffen uns in einer Stunde hier.“
Jeder wusste, was er tun sollte. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Der Bär kam in jener Nacht. Aber er kam gegen eine Palisade, die stand, gegen drei Fackeln, die brannten, und gegen vier Menschen, die wussten, wer was zu tun hatte. Er schnüffelte, brummte einmal dumpf in die Dunkelheit, und zog ab.

Das Morgen-Briefing nach der Hagelnacht – Briefing und Teamführung: Klare Ziele und Rollen im Team

Der Hagel hatte uns überrascht. Drei Stunden lang, nachts, wie Steine auf das flickgeflickte Dach. Als wir morgens aus dem Schutz krochen, lagen überall Schäden: Ein Querbalken gebrochen, das Fellgeflecht auf einer Seite weggerissen, Feuerholz durchweicht. Edward hatte dunkle Ringe unter den Augen und eine Schramme an der Schläfe, wo ihn ein herabgefallenes Stück Treibholz getroffen hatte. William hustete. Ich hatte die ganze Nacht die Hand auf das wackelnde Stützengerüst gedrückt und meine Finger waren steif und kalt.

Anne schlug vor, uns zu setzen. Wir setzten uns.
„Bevor wir anfangen,“ sagte sie, „will ich wissen, wie es euch geht. Wirklich geht. Wer ist heute einsatzfähig?“
Ich sah Edward an. Ich wartete, dass er „Mir geht’s gut“ brüllen würde, wie immer. Aber er schwieg kurz. Dann: „Ich kann arbeiten. Aber nicht auf Bäume klettern. Die Schläfe.“ Er tippte sich kurz an den Verband.
„William?“
William hustete erneut. „Ich kann kochen. Aber kein Holzschleppen.“
Ich meldete mich: „Meine Hand ist besser. Ich kann tragen, klettern, was nötig ist.“
Anne nickte. Dann las sie kurz aus dem leuchtenden Spiegel – leise, fast nur für sich, aber laut genug, dass wir es hören konnten:
„Briefing: Klärt vor dem Einsatz gemeinsam, was das Ziel ist, wer welche Rolle hat, welche Ressourcen zur Verfügung stehen, und was erwartet wird.“
„Also,“ sagte sie. „Was ist das wichtigste Ziel heute?“ Sie sah uns an, ohne zu antworten.
„Das Dach,“ sagte Edward sofort. Diesmal ohne Zögern. „Ohne Dach überleben wir die nächste Nacht nicht.“
Wir alle nickten. Es war das erste Mal, dass wir uns alle gleichzeitig einig waren, und es fühlte sich seltsam an – fast körperlich, wie ein Knoten, der sich löst.
„Gut. Edward: nur das Dach. Keine anderen Arbeiten, bis das steht. Ich sammle Holz im Nordwesten, da ist es trockener. Du –“ sie sah mich an – „baust mit mir den Ofen aus Steinen, den wir gestern begonnen haben. Innen, damit das Feuer bei Regen nicht erlischt.“
„Und ich?“ fragte William.
„Du kochst. Was auch immer wir noch haben. Und du passt auf das Feuer auf, dass es nicht ausgeht.“
„Und Essen?“ fragte ich.
Anne sah mich ruhig an. „Erwartet heute nichts. Wir haben drei Handvoll Linsen und einen mickrigen Fisch. Das ist die Realität.“

Niemand protestierte. Die Wahrheit, klar ausgesprochen, war leichter zu tragen als das unausgesprochene Ahnen.
Wir arbeiteten den ganzen Tag. Das Dach stand vor Einbruch der Dunkelheit.

Der Rum-Konflikt – Konfliktlösung mit DESC: Kommunikation unter Stress verbessern

Es war meine Schuld. Das sagte ich auch sofort, als Edward aufbrauste.
Ich hatte den Rum genommen – die kleine Flasche, die William in seinem Rucksack verwahrt hatte wie einen Kirchenschatz – und hatte damit die Wunde an Edwards Schläfe gereinigt, die trotz des Verbandes begann, rot und warm zu werden. Es schien mir die vernünftige Entscheidung. Infektionen auf einer Insel ohne Medizin waren keine abstrakte Gefahr.

William fand es heraus, als er am Abend den Rucksack öffnete. Ich sah es in seinem Gesicht, bevor er etwas sagte: eine Welle von etwas, das mehr war als Ärger. Der Rum war für ihn kein Genussmittel. Er war das letzte Stück von etwas, das er aus dem Schiff gerettet hatte, von einem Abend, der ihm etwas bedeutet hatte.
„Du hast meinen Rum genommen,“ sagte er. Ruhig, aber mit weißen Knöcheln.
„Ja,“ sagte ich. „Edwards Wunde wurde infiziert. Salzwasser hätte gereicht, aber wir haben keins sauber genug. Ich habe entschieden, das Risiko nicht einzugehen.“
„Das war nicht deine Entscheidung!“
Die Stimmung kippte. Edward, dem die Behandlung zugutegekommen war, hielt sich aus gutem Grund heraus. Anne stand auf und sagte: „Wartet.“

Sie holte den leuchtenden Spiegel. Diesmal las sie langsamer, als würde sie jeden Satz abwägen:
„DESC: Describe – schildere das konkrete Verhalten. Express – benenne das Gefühl ohne Angriff. Suggest – mach einen Vorschlag. Consequences – nenne die Folgen, die eintreten, wenn nichts sich ändert.“
Sie legte das Gerät hin. Dann sah sie William an.
„William. Was er getan hat: Er hat deinen Rum zur Wundversorgung verwendet, ohne dich zu fragen. Das ist das Verhalten.“ Sie sah mich kurz an. „Was du fühlst: Du bist wütend, weil es deine letzte persönliche Reserve war und er keine Erlaubnis hatte. Das ist berechtigt.“
William sagte nichts. Aber er hörte zu.
„Was ich vorschlage: Beim nächsten Mal fragen, auch wenn es eilig erscheint. Und wir suchen morgen gemeinsam nach einer Salzwasserquelle nahe der Klippen, damit wir eine Alternative haben. Und –“ sie sah mich an – „du übernimmst jetzt die Verwaltung des Rums. Du bestimmst, wann und wofür er verwendet wird.“

Ich sah William an. Er starrte auf den Boden. Dann nickte er, einmal, kurz.
„Gut,“ sagte Anne.
Es war kein fröhliches Ende. Aber es war ein Ende ohne Scherbenhaufen. Und das war auf dieser Insel mehr wert als Frieden.

Teil IV Transformation – Resilienz und Teamdynamik im Alltag

Die Wochen nach der Bärennacht veränderten uns. Nicht dramatisch, nicht über Nacht – eher wie das langsame Trocknen von nassem Holz. Die Kraft kam zurück, nicht weil die Insel freundlicher geworden wäre, sondern weil wir aufgehört hatten, gegen uns selbst zu kämpfen.

Jeden Morgen setzten wir uns für eine Viertelstunde zusammen. Anne nannte es „den Rat“, weil es besser klang als Briefing, und weil der Begriff uns nicht an Handbücher erinnerte. William stellte dabei eine einfache Frage: Wie geht es jedem? Nicht höflichkeitshalber, sondern weil es relevant war: Wer konnte klettern, wer nicht? Wer war erschöpft, wer ausgeruht? Die I’m-SAFE-Checkliste, wie das Gerät es nannte, wurde zu unserem morgendlichen Ritual.

Edward lernte, Aufgaben zu benennen, bevor er sie selbst erledigte. Das war sein größtes Zugeständnis und sein größter Fortschritt. Nicht mehr: „Ich mach das schon.“ Sondern: „Das muss jemand tun. Wer macht es?“ Es war eine kleine Verschiebung. Aber sie änderte alles.

William begann, beim Kochen laut zu sagen, was er brauchte: „Ich brauche trockenes Feuerholz in einer Stunde.“ Nicht klagen, nicht hoffen, nicht schweigen. Benennen. Und wir hörten hin.

Ich lernte, meinen Zweifeln eine Form zu geben, bevor sie sich in Schweigen verwandelten. Wenn ich etwas für falsch hielt, sprach ich es aus – mit dem, was der leuchtende Spiegel als Struktur empfahl: beschreib, was du siehst. Erklär, was das für uns bedeutet. Mach einen Vorschlag. Nenn die Folgen.

Wir wurden nicht zu einem anderen Team. Wir wurden dasselbe Team – aber mit Werkzeugen. Und langsam, Tag für Tag, wurden diese Werkzeuge zu Gewohnheiten.

Ein Dialog anderswo – TeamSTEPPS im Schockraum und in der Notfallmedizin

Schockraum, 14:37 Uhr. Die Türen fliegen auf.

Notarzt Bergmann: „Schockraum-Team, kurze Aufmerksamkeit – wir haben einen 34-jährigen Mann, Motorradfahrer, Frontalaufprall auf einen Lkw bei circa 70 km/h. Bewusstsein initial erhalten, GCS jetzt 11, Blutdruck 88 zu 60, Herzfrequenz 124, Sauerstoffsättigung 91 trotz 15 Liter Sauerstoff. Wir vermuten ein stumpfes Thoraxtrauma mit möglichem Spannungspneumothorax links sowie ein instabiles Becken. Zugang haben wir zwei großlumige IVs, laufen lassen, insgesamt 1.000 ml NaCl laufen.“
Schockraumarzt Dr. Heller: „Verstanden – Thoraxtrauma links, Becken instabil, hämodynamisch nicht stabil, zwei IVs, 1.000 ml bereits gegeben. Anästhesie, bitte vorbereiten für mögliche Notfallintubation.“
Anästhesistin Dr. Vogt: „Notfallintubation wird vorbereitet, Medikamente ziehe ich auf.“
Pflegekraft Fischer: „Blutdruck links 86 zu 58, Sättigung bei 88.%“
Dr. Heller: „Call-out: Sättigung 88 und fallend, Blutdruck weiter instabil – ich gehe von Spannungspneumothorax aus. Nadeldekompression links, zweiter ICR, Medioklavikularlinie, jetzt.“
Rettungssanitäterin Krause: „Nadel liegt bereit.“
Dr. Heller: „Dekompression durchgeführt – Fischer, Sättigung?“
Pflegekraft Fischer: „Steigt, jetzt 94 – Blutdruck 96 zu 62.“
Dr. Vogt: „Atemweg gesichert, Patient intubiert, Beatmung problemlos.“
Dr. Heller: „Gut. Becken-Schlinge anlegen, Traumascan anmelden, Blutkonserven ordern – wir rufen Typ O negativ ab. Alle im Bild?“
Bergmann, Krause, Fischer, Vogt: „Ja.“ / „Bestätigt.“ / „Läuft.“ / „Konserven werden bestellt.“
Dr. Heller: „Bergmann, gute Übergabe – das hat uns Zeit gespart.“

Teil V – Warum Teamkommunikation über Leben und Tod entscheidet

Was Robinson und andere Schiffbrüchige der verfluchten Insel im Operationssaal oder im Rettungsdienst lernen können

Es mag auf den ersten Blick kühn erscheinen, Schiffbrüchige und medizinische Teams in einem Atemzug zu nennen. Die einen kämpfen gegen Regen und Affen, die anderen gegen zeitkritische Krankheitszustände und folgenschwere Fehler. Und doch: Wer beide Szenarien nebeneinanderlegt, erkennt dasselbe Grundproblem – eine Gruppe von Menschen mit je eigenen Fähigkeiten, die unter Druck gemeinsam eine Aufgabe bewältigen muss, bei der Fehler tödlich sein können. Der einzige Unterschied ist das Kostüm.

Resilienz im Team: Schlüssel zur Patientensicherheit

Resilienz ist kein Charaktermerkmal. Sie ist keine Frage davon, ob jemand mental stark genug ist, Hunger und Erschöpfung zu ertragen. Resilienz ist die Fähigkeit einer Gruppe, Störungen aufzufangen, ohne auseinanderzufallen – und anschließend funktionsfähiger zu sein als zuvor.
Edward, William und der Ich-Erzähler scheitern in den ersten Szenen nicht, weil sie schwach sind. Edward ist ein ausgezeichneter Zimmermann. William kocht unter unmöglichen Bedingungen. Der Erzähler denkt voraus. Aber ihre Stärken wirken nebeneinander statt miteinander. Es fehlt das, was Teamforscher als gemeinsames mentales Modell bezeichnen: das geteilte Bild davon, was gerade passiert, was als nächstes kommt, wer für was verantwortlich ist. Ohne dieses Modell kämpft jeder für sich selbst – auch wenn er glaubt, für das Team zu kämpfen.

Die Barrieren, die zufällige Gruppen scheitern lassen – Typische Fehlerquellen in medizinischen Teams

Die Forschung zu Teamversagen in Hochrisikobereichen zeigt ein wiederkehrendes Muster. Hierarchiedenken lähmt: Der Zimmermann auf dem Schiff ist es gewohnt, Befehle zu geben, nicht zu empfangen. Das Rangdenken der alten Ordnung überlebt die Katastrophe und blockiert jede Form von offenem Austausch. Niemand korrigiert Edward, wenn er sich irrt – nicht weil alle zustimmen, sondern weil der Widerspruch mehr Kraft kostet als der Fehler.
Fehlende Rollenklarheit verschärft das Problem: Wer ist zuständig für die Vorräte? Wer für das Feuer? Auf diese Fragen gibt es keine klare Antwort, also gibt es de facto keine Verantwortung – bis die Affen einbrechen. Informationsmangel ist die dritte Barriere: William weiß, dass er krank war, sagt es aber nicht. Der Ich-Erzähler beobachtet, dass Edward die Palisade unbeobachtet lässt, schweigt aber. Jeder trägt sein Wissen allein – mit sich, in sich.
Hinzu kommen Müdigkeit, die das Urteilsvermögen trübt, und Selbstzufriedenheit: Jeder hat das Gefühl, das Richtige zu tun, solange niemand von außen eine Rückmeldung gibt. Die Gruppe funktioniert so lange, bis sie es nicht mehr tut – und dann meistens auf dramatische Weise.

Wie TeamSTEPPS die Kommunikation verbessert

TeamSTEPPS – Strategies and Tools to Enhance Performance and Patient Safety – ist ein vom Militär entwickeltes und vom Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) übernommenes Trainingssystem für medizinische Teams. Es baut auf fünf Kernprinzipien auf:

  • Teamstruktur
  • Kommunikation
  • Führung
  • Situationsüberwachung und
  • gegenseitige Unterstützung

Die Logik hinter jedem dieser Prinzipien ist dieselbe: Mache das Unsichtbare sichtbar. Teile dein Wissen, bevor es relevant wird. Erkläre, was du siehst, nicht nur, was du tust.

Das SBAR-Modell – Situation, Background, Assessment, Recommendation oder deutsch: Situation, Hintergrund, Bewertung, Empfehlung – zwingt zur strukturierten Weitergabe von Informationen. Nicht: „Da ist was mit dem Bären.“ Sondern: Was ist die Situation, was ist der Hintergrund, was bedeutet das, was schlagen wir vor? Der Effekt: Alle bekommen dasselbe Bild. Nicht jeder muss denselben Schluss ziehen – aber alle starten vom selben Punkt.

Call-Out und Closed-Loop Communication stellen sicher, dass Informationen nicht nur gesendet, sondern auch empfangen werden. Auf der Insel bedeutet das: Edward weiß, dass William die Fackeln vorbereitet. William weiß, dass Edward die Palisade hält. Niemand ist blind für das, was der andere tut.

Das Briefing am Morgen schafft ein gemeinsames mentales Modell, bevor der erste Fehler gemacht wird. Das Debriefing am Abend erlaubt der Gruppe, aus jedem Fehler zu lernen, bevor er sich wiederholt. Und das STEP-Modell – Status of team members, Tasks, Environment, Progress oder deutsch: Status der Teammitglieder, Aufgaben, Umfeld, Fortschritt– bietet einen Rahmen für kontinuierliches Situationsbewusstsein: Wer ist gerade wie belastbar? Was ist der aktuelle Stand der Aufgaben? Was hat sich in der Umgebung verändert?

Das DESC-Skript löst das Problem, das in jeder Gruppe irgendwann entsteht: den Konflikt. Nicht durch Unterdrückung, nicht durch Kapitulation, sondern durch Struktur. Beschreibe das Verhalten. Erkläre das Gefühl. Schlage eine Alternative vor. Nenne die Konsequenzen. Das ist keine Diplomatie – das ist Präzision in der Kommunikation.

Annotation zur Schockraumszene – SBAR, Call-Out & Co. in der Praxis erklärt

TeamSTEPPS im Dialog – was steckt dahinter?

SBAR (Situation – Background – Assessment – Recommendation) Notarzt Bergmann eröffnet die Übergabe mit einer strukturierten SBAR-Meldung: Er nennt die aktuelle Lage (34-jähriger Mann, GCS 11, Blutdruck 88/60), den Hintergrund (Frontalaufprall, 70 km/h), seine Einschätzung (Spannungspneumothorax, instabiles Becken) und eine implizite Handlungsempfehlung (zwei IVs, 1.000 ml laufen). Das Team muss nicht nachfragen – alle relevanten Informationen kommen geordnet und auf einmal.

Call-out Dr. Heller spricht die kritische Lageänderung laut und für alle hörbar aus: „Sättigung 88 und fallend, Blutdruck weiter instabil – ich gehe von Spannungspneumothorax aus.“ Niemand muss raten, was der Teamleiter denkt. Alle sind gleichzeitig im Bild.

Check-back Nach der Übergabe wiederholt Dr. Heller die Kerninformationen („Thoraxtrauma links, Becken instabil, hämodynamisch nicht stabil…“) – nicht aus Misstrauen, sondern zur Absicherung. Fehler durch Missverständnisse werden so abgefangen, bevor sie entstehen.

Shared Mental Model Dr. Hellers abschließende Frage „Alle im Bild?“ und die kurzen Bestätigungen des gesamten Teams sind kein Ritual – sie stellen sicher, dass jedes Teammitglied dasselbe Lagebild hat und weiß, was als nächstes kommt. In der Notfallmedizin kann genau diese Sekunde entscheidend sein.

Mutual Support Die Rettungssanitäterin Krause reicht die Nadel an, ohne gefragt zu werden. Dr. Vogt bereitet die RSI vor, noch bevor die Entscheidung final gefallen ist. Mutual Support bedeutet: Teamkollegen antizipieren den Bedarf des anderen und handeln proaktiv.

Warum ein Team aus dem OP oder dem Rettungsdienst auf der Insel überleben würde: strukturierte Teamarbeit

Die Frage ist legitim: Würde ein gut eingespieltes medizinisches Team tatsächlich besser überleben als Edward, William und der Erzähler? Die Antwort ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ja – aber nicht, weil sie fitter wären oder mehr Erfahrung mit Kokosnüssen hätten.

Sie würden besser überleben, weil sie gewohnt sind, Wissen zu teilen, bevor es nötig ist. Weil Hierarchie bei ihnen kein Informationsblocker ist, sondern ein Koordinationsmechanismus. Weil sie gelernt haben, dass jedes Schweigen in einem kritischen Moment ein Risiko ist. Und weil sie jeden Morgen – buchstäblich – fragen: Was wissen wir heute, was wir gestern nicht wussten?

Das Brettspiel „Robinson Crusoe – Abenteuer auf der verfluchten Insel“ macht diesen Unterschied spielerisch erfahrbar. Die mechanische Gnadenlosigkeit des Spiels – Wetterkarten, Ereigniskarten, immer neue Krisen, immer zu wenig Aktionspunkte – schafft denselben Druck wie ein voller OP-Tag oder ein Notfall. Wer ohne Kommunikationsstruktur spielt, verliert. Nicht immer sofort, aber zuverlässig.

Was die Forschung zeigt – Studienlage zur Patientensicherheit und Teamkommunikation

Dass dies keine bloße Theorie ist, belegt eine Studie von Weld et al. (2016, Am J Med Qual), die TeamSTEPPS in einem echten Operationssaal untersuchte. Nach Einführung strukturierter Briefings – in denen alle OP-Beteiligten gemeinsam Ziele, Rollen und Besonderheiten des jeweiligen Eingriffs besprachen – sank die durchschnittliche Operationszeit messbar, der erste Eingriff des Tages begann deutlich pünktlicher, und die Rate an Patientensicherheitsproblemen halbierte sich nahezu. Was auf der Insel das Überleben sichert, sichert im OP das Leben des Patienten: klare Kommunikation, verteilte Verantwortung, gemeinsames Situationsbewusstsein.

Weld LR et al. (2016): TeamSTEPPS Improves Operating Room Efficiency and Patient Safety. American Journal of Medical Quality, 31(5):408–14. PMID: 25888549

Das Tablet als Spiegel

Am Ende der Geschichte hätte das No Kea Tablet keinen Akku mehr. Drei Balken werden irgendwann null Balken. Aber das macht nichts, denn das Gerät hat seine Aufgabe erfüllt, nicht als Werkzeug, sondern als Spiegel – im wörtlichsten Sinne. Es hat der Gruppe gezeigt, was sie hätten sein können, wenn sie früher gewusst hätten, was sie brauchten.

Die Techniken, die Anne aus dem leuchtenden Spiegel vorlas, sind keine Zauberei. SBAR ist kein Ritual, das Bären fernhält. Call-Out verhindert keine Stürme. Aber sie verändern, wie eine Gruppe mit dem umgeht, was unvermeidlich kommt – die nächste Krise, der nächste Konflikt, die nächste Erschöpfung.

Das gilt für Schiffbrüchige. Und es gilt, wie der Operationssaaldialog zeigt, genauso für ein Team in OP-Bereichskleidung, das jeden Morgen gemeinsam entscheidet: Wie machen wir das heute? Wer macht was? Was wissen wir, was der andere noch nicht weiß?

Robinson Crusoe überlebte auf seiner Insel allein. Die verfluchte Insel des Brettspiels dagegen verlangt eine Gruppe. Und Gruppen brauchen Sprache. Nicht mehr Worte – sondern bessere.